Dr. Christina Irrgang

Kunst- und Medienwissenschaftlerin, Autorin und Musikerin

Der verlorene Vogel, 2025, Kunsthaus Mitte in Oberhausen, Oberhausen

Einladungen zum Sehen

Über die Arbeit der Residentin Hyeonyoung Lee im Kunsthaus Mitte in Oberhausen


Was ist ein Bild? Ist Malerei an einen Bildgrund gekoppelt? Oder kann sie sich davon lösen, um inneren Bildern in haptischer oder akustischer Gestalt Präsenz zu verleihen? Fragen wie diese umspannen das interdisziplinäre Werk der Künstlerin Hyeonyoung Lee, die im Oktober und November 2025 das vorerst letzte Residenzstipendium im Kunsthaus Mitte in Oberhausen innehatte. Im Rahmen dessen entwickelte Lee eine sich über zwei Räume erstreckende Präsentation mit dem Titel „Der verlorene Vogel“, mit der sie sich dem Kunsthaus Mitte als suchendes, lebendiges Gegenüber annäherte und die Menschen, die in diesem Haus tagtäglich aktiv sind, es besuchen sowie in der Stadt Oberhausen leben, als abstrakte Dialogpartner:innen in ihre Arbeit einbezog.


Erinnerungen, Fantasien und Lebensrealitäten, die ineinander verschmelzen, sind seit einigen Jahren Gegenstand in den Arbeiten von Hyeonyoung Lee, die 1985 in Korea geboren wurde und Freie Kunst an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main studierte – im Schwerpunkt Malerei bei Gunter Reski. Doch bereits im Studium erweiterte sie ihre Malereien durch einen medienübergreifenden Ansatz. Ihre Bilder zeigen oftmals surreale Kompositionen, in denen etwa aus Möbelstücken Bilder fliegen, die sich in Luft auflösen oder als herausgelöste Formen respektive als flexibler Körper ein fantastisches Eigenleben entwickeln. Auch leere Flächen auf der Leinwand sind Teil von ihnen, oder einzeln herausgelöste Figuren, die sich in Varianten wiederholen. „Heute arbeite ich konzeptionell und frage (mich): Was ist Malerei?“, erzählt Hyeonyoung Lee inmitten ihrer Arbeiten im Kunsthaus Mitte in Oberhausen. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen entwickelte die Künstlerin bereits im Studium zwei Werkkomplexe, die auch essenzieller Teil ihrer im Kunsthaus Mitte realisierten Arbeiten sind: Die geschredderte Malerei und die Soundmalerei.


Der Transformationsprozess von Hyeonyoung Lees früheren Gemälden in geschredderte Malerei lässt zunächst einmal erstaunen: Denn tatsächlich entschließt sich die Künstlerin für diesen Werkkomplex dazu, einmal von ihr gemalte Bilder mittels eines Aktenvernichters zu zerstören. Die schmal segmentierten Laufbahnen oder nur verbleibende Schnipsel der von ihr bemalten Leinwand nutzt sie sodann, um neue, plastische Formen daraus zu gestalten: Ihre zuvor entstandenen Gemälde gehen über in eine neue Bildhaftigkeit.

Die Soundmalerei wiederum basiert auf dieser Überlegung: Wie stellen wir uns ein Bild vor, wenn wir nur die Geräusche wahrnehmen können, die beim Malen oder Zeichnen dieses Bildes entstehen? Wie wird der Inhalt eines Bildes als Klang, Ton oder Geräusch vermittelt? „Mich interessiert das Alltägliche, so kam ich auf die Idee, während ich zeichnete oder malte Tonaufnahmen von meinen Arbeitsabläufen anzufertigen“, sagt Hyeonyoung Lee. Mit der Soundmalerei erforscht Lee nun malerische Prozesse hinsichtlich der beim Malen und Zeichnen durch Bildgrund und Malmittel entstehenden Klänge und macht diese durch Soundaufnahmen als akustische Bilder zugänglich.


Für die Abschlusspräsentation „Der verlorene Vogel“, die vom 29. November 2025 bis 15. Januar 2026 im Kunsthaus Mitte zu sehen war, kombinierte Hyeonyoung Lee diese beiden Formen der Malerei und rückte die Vielfältigkeit, die das Haus durch seine zahlreichen Protagonist:innen und Aktivitäten auszeichnet, durch bewegliche Objektformen und die Soundmalerei „Oberhausen Orchestra“ ins Zentrum, ja erklärte das Kunsthaus Mitte selbst zu einem lebendigen, wandelbaren Gegenüber. „Ich habe das Kunsthaus Mitte als einen mit Leben erfüllten Ort erfahren, deshalb folgte ich diesem Gedanken mit der Frage: Wäre das Haus selbst lebendig und zur Bewegung fähig, würde es sich tatsächlich fortbewegen oder an seinem Standort verweilen? Das war der Ausgangspunkt meiner hier entwickelten Arbeiten“, sagt Hyeonyoung Lee. Und sie ergänzt: „Stelle Dir dann vor, ein Teil des Hauses ist weggegangen, wo suchen wir diesen Teil? Ich habe mir das, was verschwunden ist, sinnbildlich als einen Vogel vorgestellt. Wo, oder in welcher Form könnte er sich versteckt haben oder sich zeigen?“


Das Objekt „Der Finger des Hauses“ hat im Rahmen von Hyeonyoung Lees Präsentation den Weg hinein in diese Vorstellungswelt gewiesen: Ein aus zwei Elementen bestehender Körper aus Papiermaché mit Tapete, der an der oberen Kante der Tür zum ersten Ausstellungsraum lehnte. An den ,Fingerkuppen‘ mit zwei Pinselköpfen versehen, zeichnete das Objekt beim Öffnen und Schließen der Tür lautlose, unsichtbare Linien in den Raum. Dass Lees Objekte durch ihre individuelle Bewegung den gegebenen Ort zu markieren fähig sind, zeigte sich außerdem mit der Arbeit „Wo ist mein Vogel?“, ein aus Aluminium gefertigter Käfig, an dessen ,Fußspitzen‘ sich fünf Bleistifte befinden, die durch eine mit der Wand verbundene Angel über den Boden geführt werden konnten. Die filigranen Formen sind von Lee handgemacht, sie sagt, sie sind in ihrer Gestalt „ungefähr“ und damit nähern sie sich mehr der individuellen Vorstellung als der Realität an. Eine fragile Miniaturleiter aus Aluminium weist kaum sichtbare Details auf wie einen Fußabdruck eines Vogels auf einer der Stufen oder eine am Geländer haftende, verlorene Feder. Die Arbeit trägt den Titel „good morning, good afternoon, good evening, and good night, and good bye“. Entsprang sie einer der Wände, oder führte sie ins Nichts? „Wie ein Spürhund“ stand ein Objekt inmitten des Raumes, mit Strickgarn verhangen. Aus dessen Bauch tönten Geräusche, Töne, die beim Malen entstanden waren. Etwa von der Acrylmalerei „Wie ein Zugvogel“, die sich aus mehreren quadratischen Leinwänden zu einem grünen Vogel zusammensetzt, dessen Flügel für den nächsten Aufwind ausholen? Umfasst wurde diese poetische Setzung, die innere Bilder in der Vorstellung mäandern ließ, von der geschredderten Malerei mit Soundmalerei „Zeit der Evolution“: ein raumgreifender, mit zarten Fäden von der Decke herabgehangener Bogen aus zerklüfteten Leinwandfragmenten, die sich in einer Schaummasse verdichten und von dessen Mitte ein silbrig glänzender Körper herabsinkt, aus dem klopfend-klingelnde Geräusche dringen – die Lee während verschiedener Malprozesse aufgenommen hat. Wie ein pulsierendes, pochendes Herz bildete dieser Moment das Innerste inmitten von Lees Rauminstallation ab und führte zu einem Innehalten, das über Materialität hinweg in einer immateriellen Sprache nachhallend zur Reflexion über Leben und Lebendigkeit einlud.


Bewusst den Klängen zu lauschen, die von Objekten ausgehen und die von Menschen in Oberhausen erzeugt wurden, erhielt im zweiten Ausstellungsraum Bedeutung. Die Soundmalerei und geschredderte Malerei „Das unhörbare Ohr“ verwies augenscheinlich durch die abstrahierte Form eines Ohres, die Hyeonyoung Lees auf einer Wiege arretierte, auf das Hören: denn das Objekt ließ durch sein Hin-und-Her-Bewegen durch die Künstlerin sanfte Geräusche erklingen. Begleitet wurde es von dem Objekt „Das Kribbelnde“, ein Körper mit zwölf Beinen, an dessen ,Füßen‘ Pinselspitzen sitzen, die entweder durch den Einsatz von Farbe ein sichtbares Bild erzeugen können, oder durch die Bewegung des Objekts ohne Malmittel ein akustisches Bild durch die Geräuschspuren der Pinselhaare entlang des Bodens oder der Wand hinterlassen. Zur Entwicklung und zum Gebrauch von Körpern wie diesen sagt Lee: „Mich interessiert Animismus. Die Vorstellung, dass alle Dinge und Lebewesen beseelt und miteinander verbunden sind, hat mich auch in diesem Projekt begleitet, so zum Beispiel hinsichtlich des Entstehens der Soundmalerei mithilfe des ,unhörbaren Ohres‘ oder des ,Kribbelnden‘.“


„Oberhausen Orchestra“, eine Soundmalerei begleitet von Zeichnungen, stellt darunter eine Besonderheit in Hyeonyoung Lees Präsentation im Kunsthaus Mitte dar. Denn hierfür hat Lee vielzählige Bürger:innen der Stadt Oberhausen gefragt, „Was fällt Dir ein, wenn Du ,Oberhausen‘ hörst?“ und sie gebeten, ihren persönlichen Bezug zu dieser Stadt aus ihrer Erinnerung zu zeichnen, ihm Raum zu geben: in Bleistift auf Leinwand, in Filzstift auf Papier oder Baumwolle, in Edding auf Karton oder in Acrylfarbe auf Papier. Lee stellte die Materialkombinationen bereit, die Oberhausener Performer:innen zeichneten. Ihre Handzeichnungen waren in der Präsentation im Kunsthaus Mitte dem verwendeten Material entsprechend gruppiert und zeigten zum Beispiel Skizzen von der Zeche, dem CentrO, dem Gasometer, der ehemaligen Arbeitersiedlung Gustavstraße, aber auch Bilder vom Zusammensein, von einem Zuhause oder einem Spielplatz. Die Geräusche, die beim Zeichnen durch die Performer:innen entstanden sind oder die sie an den Orten in Oberhausen, wo sie zeichneten – wie zum Beispiel im Café, auf der Straße oder im Kunsthaus Mitte – umgaben, hat die Künstlerin aufgenommen. Sie dienten ihr als Grundlage für die Komposition „Oberhausen Orchestra“, die sie um eigene Soundmalerei-Aufnahmen erweiterte. So zum Beispiel durch die Geräusche, die beim Zeichnen mit dem „Finger des Hauses“ und dem Objekt „Das Kribbelnde“ entstanden, indem Lee sie als Instrumente nutzte. Oder aber durch die Klänge, die beim Bewegen des „unhörbaren Ohres“ vernehmbar wurden, begleitet von Aufnahmen, die von der „Zeit der Evolution“ ausgingen. Die Zeichengeräusche der Performer:innen, von denen pro Malmittel und -grund unterschiedlich viele teilnahmen, und die von der Künstlerin aufgenommenen Töne wirken in ihrer Summe wie die Protagonist:innen eines Orchesters zusammen – die Komposition entwickelt sich entlang einer von Hyeonyoung Lee konzipierten Satzfolge. Das „Oberhausen Orchestra“ ist Lees erste orchestrale Soundmalerei. Im Zusammenwirken der physischen Zeichnungen und der aus ihnen hervorgegangenen Soundmalerei, die in feinen, leisen Geräuschen pingt, streicht, wischt, klirrt, murmelt, schrammt, läutet, knarzt und zwitschert, ist ein klang- und körperbasiertes Referenzsystem entstanden, das Erinnerung und Fantasie zugleich adressiert. Hyeonyoung Lee: „Und ich sage: Das ist Malerei.“


Mit ihrem Projekt „Der verlorene Vogel“ verfolgte Hyeonyoung Lee, dass die Besucher:innen des Kunsthauses Mitte sich auf die Suche nach dem Sinnbild des Vogels begaben, etwas möglicherweise Verlorenes oder symbolisch Weggeflogenes durch die Auseinandersetzung mit ihren Werken oder durch die Beteiligung daran in sich (wieder) zu finden. Lee hat damit das Kunsthaus Mitte in Oberhausen in eine magisch-surreale, zum Teil unsichtbare und durch Klänge sich erschließende, tastende Sprache gehüllt. Sie verdichtet sich von Bild zu Objekt zu Sound zu einem inneren Bild, das ein feinsinniges Echo auf das Kunsthaus Mitte und die Stadt Oberhausen fernab von Worten hervorbringt.